17/05 - CANNES AKTUELL AUF POLYTECHNIQUE
Eine 20 Jahre alte Tragödie – aus neuem Blickwinkel
17. Mai 2009 — Denis Villeneuves bestürzender Film Polytechnique erwähnt nicht alle Details des Massakers, das sich am 6. Dezember 1989 in einem Montrealer Polytechnikum abspielte. Dieser kanadische Film, der heute Abend bei den Regisseurstagen in Cannes Premiere hatte, sagt nicht viel über den Amokläufer aus. Wir erfahren nicht einmal seinen Namen, was vielleicht auch das Beste ist (über ihn ist schon genug gesagt worden). Vielmehr ist Polytechnique – in kühlem Schwarz-Weiß gefilmt – eine erschütternde Beschreibung dessen, was es bedeutete, in dieser Schule zu sein, sich unter den Tischen zu verstecken, durch die Flure zu fliehen, an jenem Tag, als 14 Frauen ihr Leben verloren und mehrere Dutzend verletzt wurden. Und mit absoluter Perfektion zeigt der Film, was es bedeutet, eine solche Gräueltat zu überleben, dem Tod knapp und unerklärlich zu entkommen. Wie lebt man weiter in dem schrecklichen Wissen, dass andere nicht so viel Glück hatten? Eines finden wir über den Mörder heraus: Er will Frauen umbringen. Dieses Detail ist zu wichtig, um nicht beachtet zu werden. Der echte Amokläufer in dieser Geschichte wollte alle Frauen töten, Frauen, denen er vorwarf, „Feministinnen“ zu sein, denen er die Schuld gab an seiner Misere (zumindest deutete er das in seinem Abschiedsbrief an). Als er in einem Klassenzimmer eine Gruppe Frauen konfrontiert (im Film wie beim wirklichen Massaker), versucht eine zu erklären, dass sie keine Feministin ist. Er schießt trotzdem auf sie. Diese Frau hieß Nathalie Provost – sie überlebte.Die wirklich herzzerreißenden Szenen in Polytechnique verdeutlichen, dass die Opfer des Massakers zwar vielleicht nicht unbedingt Feministinnen waren, bestimmt jedoch Opfer sexistischer Rollenklischees – Klischees, die dazu führten, dass 1989 nur sehr wenige Frauen technische Fächer belegten. Zwölf der 14 ermordeten Frauen studierten Ingenieurswesen. Der Film zeigt, wie sich eine von ihnen auf ein Vorstellungsgespräch für ein Praktikum in einem Luftfahrtunternehmen vorbereitet. Sie zieht ihre besten Feinstrümpfe und Schuhe mit hohem Absatz an. Ihr Gegenüber fragt unverblümt, ob sie Kinder haben möchte, und deutet an, dass sie anderswo vielleicht glücklicher wäre, bei einer „leichteren“ Arbeit. Als das Massaker vorbei ist (der echte Amoklauf dauerte 20 Minuten, dann schoss sich der Täter eine Kugel durch den Kopf), beginnt die Aufgabe des Überlebens. Was wird aus denen, die am Leben blieben? Sie hören ihre Mütter sagen: „Ich bin hier, wenn du mich brauchst.“ Sie werden von Albträumen aus dem Schlaf gerissen. Sie weinen allein im Dunkeln. Sie denken darüber nach, ihrem Leben ein Ende zu setzen, weil sie sich nicht vorstellen können, wie sie wieder leben können. Sie nehmen Liebe an. Sie werden Luftfahrtingenieurinnen. Sie denken ständig an ihre Freundinnen, die starben, und ihre Freundinnen, die verletzt wurden. Und sie sagen sich: „Ich muss lernen aufzustehen. Wenn ich einen Sohn bekomme, werde ich ihn lehren zu lieben. Und wenn ich eine Tochter bekomme, werde ich sie lehren, dass die Welt ihr gehört.“ – Randall KoralDieses Jahr hat NESPRESSO Cannes von allen Seiten im Blick, von innen und von außen. Vincent Maraval gibt uns seine Einschätzung zu Filmen, die sein Unternehmen Wild Bunch auf den Filmfestspielen vorstellt („Un Autre Regard“, exklusiv auf der NESPRESSO-Website, täglich um 18.00 Uhr). Und Randall Koral, NESPRESSOs Korrespondent in Cannes, übermittelt seine Eindrücke von Filmen und Feiern live vom Geschehen („Cannes Aktuell“, täglich um 11.00 Uhr MEZ).
"Un Autre Regard" auf Polytechnique
