15/05 - CANNES AKTUELL AUF ORDINARY PEOPLE
Gewöhnliche Soldaten, außergewöhnliche Verbrechen
15. Mai 2009 – Man braucht die Hintergrundstory gar nicht zu kennen, um zu verstehen, warum Ordinary People, der erste Film von Regisseur und Drehbuchautor Vladimir Perisic, so unendlich wichtig ist. Man braucht nichts über das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 zu wissen, als bosnisch-serbische Soldaten mehrere Tausend unbewaffnete Männer und Jungen umbrachten. Ordinary People ist eine universelle Aussage über die Umstände, die dazu führen können, dass ganz gewöhnliche Leute außergewöhnliche Verbrechen begehen. Ohne Schnörkel, ohne einen einzigen Ton Musik im Soundtrack, denkt dieser Film darüber nach, was in einem Soldaten vor sich geht oder nicht vor sich geht, der an einem Genozid beteiligt ist. Ordinary People spielt sich an einem langen Tag ab. Dzoni (Relja Popovic) wird von einem Kameraden geweckt. Er macht sein Bett, rasiert sich, zieht sich an, schnürt die Stiefel, frühstückt. Es werden nur wenige Worte gewechselt. Ein ganz normaler Tag in der Armee. Als ein Offizier der „Dritten Einheit“ befiehlt auszurücken, greifen die Soldaten ihre Gewehre und ziehen zum Bus. Irgendwo in der Landschaft hält der Bus – Dzoni möchte gern wissen, wo er ist, beschließt dann aber, dass es egal ist. Er geht durch ein Feld und setzt sich in den Schatten eines Baums. Er raucht. Er schläft ein. Er teilt sich mit einem anderen Soldaten eine Flasche Wodka. Er wartet. Busse voller Gefangener kommen an, und die Dritte Einheit übernimmt sie. Mehr Zigaretten. Mehr Wodka. Mehr Warten. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass ein Massaker so langsam und methodisch vor sich geht, aber genau so spielt es sich in Ordinary People ab, und so war es möglicherweise auch in Srebrenica.Dzoni sagt, er habe sich zur Armee gemeldet, weil er nach der Schule keinen Job finden konnte. Er schloss den Wehrdienst ab und wurde gefragt, ob er nach der Grundausbildung bleiben wollte. Und er dachte sich: „Warum nicht?“ „Warum nicht?“ ist für Dzoni sowohl Frage wie auch Antwort – wie für viele junge Menschen, die nach Fingerzeigen suchen, wie sie ihr Leben gestalten sollen. Als ihm gezeigt wird, wie man Gefangene exekutiert (eine einzige Kugel in den Rücken), versucht Dzoni es mit einer anderen Antwort: „Das kann ich nicht“, sagt er. Sein Kommandeur sieht ihn an, seine Kameraden sehen ihn an, aber niemand sagt etwas gegen die Befehlsverweigerung. Die Exekution von Gefangenen wird zur Routine. Schließlich kehrt Dzoni zurück zu „Warum nicht?“ und tut, was von ihm erwartet wird. Er wird nie gezwungen, er macht einfach mit. Die Gefangenen werden jünger und wir sehen, wie Dzoni – selbst fast noch ein Junge – einen anderen Jungen erschießt, ohne mit der Wimper zu zucken. So werden Ungeheuer gemacht. – Randall KoralDieses Jahr hat NESPRESSO Cannes von allen Seiten im Blick, von innen und von außen. Vincent Maraval gibt uns seine Einschätzung zu Filmen, die sein Unternehmen Wild Bunch auf den Filmfestspielen vorstellt („Un Autre Regard“, exklusiv auf der NESPRESSO-Website, täglich um 18.00 Uhr). Und Randall Koral, NESPRESSOs Korrespondent in Cannes, übermittelt seine Eindrücke von Filmen und Feiern live vom Geschehen („Cannes Aktuell“, täglich um 11.00 Uhr MEZ).
